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Von DSLRs und Videos

Wenn man noch mit einer normalen Videokamera filmt, scheint man zu einer aussterbenden Spezies zu gehören. Alle der für den Standby-Videocontest angetretenen Filmer setzten zumindest teilweise auf digitale Spiegelreflexkameras (DSLRs) mit Videofunktionen.

Sensationsmeldungen wie diejenige, dass eine Episode von Dr. House komplett mit einer Canon 5DMkII gefilmt wurde, legen nahe, dass es bald niemanden mehr geben wird, der noch auf eine reine Videokamera setzt. Wieso auch? Die neue Generation von DSLRs beherrscht alle relevanten Videoformate bis hin zu 1080p, kann 60 Bilder pro Sekunde aufzeichnen und ermöglicht durch die vergleichsweise großen Sensoren traumhaft unscharfe Hintergründe und eine Lichtempfindlichkeit, die mit Videokameras im Amateur- oder Semiprofibereich bisher nicht zu erreichen war.
Und bevor das jetzt jemandem in den falschen Hals rutscht: Ich will gar nicht behaupten, dass die damit erzielten Resultate durch die Bank minderwertig sind. Mir geht es aber ganz entschieden auf den Zeiger, dass viele Filmer, die zum ersten Mal mit einer DSLR filmen, danach davon überzeugt sind, den Heiligen Gral in den Händen zu halten und das BMX-Video revolutioniert zu haben. Denn dafür braucht man mehr als nur ein paar unscharfe Hintergründe und andauerndes Gelaber über die geile Schärfentiefe. Dudes, Schärfentiefe ist dann am Start, wenn ein möglichst großer Bereich scharf ist. Was ihr bejubelt, ist fehlende Schärfentiefe. Und falls ihr euch gerade wundert, es heißt tatsächlich Schärfentiefe, nicht etwa Tiefenschärfe. True Story.
Wo wir gerade schon beim Thema sind: Es ist ja schön und gut, dass Videofilmer auch endlich mal ein bisschen mit Schärfe und Unschärfe spielen können, aber wäre nicht ein gezielterer Einsatz dieses gestalterischen Mittels besser? Man muss die Blende zum Beispiel nicht grundsätzlich für alle Clips komplett aufreißen, um die Schärfentiefe dann effektiv auf zwei Millimeter zu begrenzen. Riesige unscharfe Flächen sind zwar etwas Neues in BMX-Videos, auf Dauer wird es aber ziemlich nervig und ist schneller wieder langweilig als Icepickbonks.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die Videofunktionen von DSLRs sind nur mit einen elend langsamen Hilfsautofokus ausgerüstet. Wenn Menschen vorher ankündigen, einen Trick an einer exakt bezeichneten Stelle zu machen, man die Kamera auf einem Stativ hat und nicht wieder einmal für den schön unscharfen Hintergrund Blende 1.8 gewählt hat, ist das kein Problem. Wenn das nicht so ist, wird es mehr als knifflig, weil man manuell fokussieren muss und moderne Objektive auf die Genauigkeit von computergesteuerten Motoren angewiesen sind, gegen die eine linke Hand ziemlich schlecht aussieht. Das Argument, dass Dr. House schließlich auch mit einer 5D MkII gefilmt wurde, zieht hier auch nicht, denn erstens ist bei solchen Produktionen eine Person einzig und allein darauf abgestellt, den Fokus zu bedienen und zweitens werden Szenen vorher abgesprochen und die relevanten Fokuspunkte dann am Objektiv markiert. Das ist beim BMX in fast allen Fällen unmöglich und deswegen gibt es immer wieder kleine oder größere Fokusausrutscher, die für mich das Sehvergnügen massiv stören.
Letzter Punkt: Mit den DSLRs hat wohl die Überzeugung Einzug gehalten, dass die exzessive Verwendung von vorgefertigten Filtern nicht nur erwünscht, sondern grundsätzlich notwendig sei. Und so warten praktisch alle Edits mit einem netten Grün- oder Orangestich auf, der den Betrachtenden signalisieren soll, dass hier ein echter Künstler am Werk war. Die Kunst beschränkt sich in der Regel leider darauf, den Filter pauschal einmal über den ganzen Edit zu bügeln, was dann zu recht drastischen Farbunterschieden von Clip zu Clip führt.
Mit diesem kleinen Wutausbruch tappe ich natürlich in die gleiche Falle wie die Typen, die reihenweise ihre DSLRs bejubeln. Es ist mir komplett egal, mit was für einer Technik sie entstanden sind. Aber die Tatsache, dass „DSLR“ plötzlich als Gütesiegel für Videos gelten soll, während die Clips zu einem Großteil aus riesigen unscharfen Flächen bestehen, die zu allem Überfluss auch noch komplett überbelichtet und/oder grünstichig sind, wirft für mich mehr als nur ein paar Fragen auf. Ich erkenne durchaus an, dass manchen Leuten ihre DSLR sehr zugute kommt und ihre Edits mit einem Schlag deutlich an Qualität zugelegt haben. Grundsätzlich steigt die Qualität von Videos und Fotos aber nicht automatisch durch intensiveren Einsatz von neuer Technik. Das beweist zum Beispiel Markus Wilke, der immer noch keine HD-Kamera sein eigen nennt und trotzdem jedes Mal höchst ansehnliche Videos produziert, weil er einfach weiß, worauf es ankommt. Vielleicht sollte man also mal aufhören, seine Videos/Fotos darüber zu definieren, mit welchem Equipment man sie erstellt, sondern stattdessen über andere Dinge diskutieren, die im Zweifelsfall sehr viel mehr mit dem Ergebnis zu tun haben als die benutzten Kameras. Kunst kommt immer noch von Können.

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